Prickelnd wie Elfenküsse - Brida Anderson

Prickelnd wie Elfenküsse

Das Einzige, was ich sah, waren seine Lippen, die die Worte bildeten: »Vertrau mir.« Sie sahen so einladend aus … Verdammt, er hatte mich verzaubert! Ich ballte meine Hände zu Fäusten und versuchte zu widerstehen, aber ich vermochte es nicht. Die Distanz zwischen uns verringerte sich. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich wollte das nicht – und ich wollte nichts lieber als das. Mit weit geöffneten Augen drückte ich meinen Mund auf Mattis‘ warme Lippen. Mich durchschoss ein heißer Funken und Mattis‘ Haut leuchtete hell auf wie eine Fackel. Keuchend rissen wir uns voneinander los. (Dornenspiele)

Als Autorin, die romantische Urban Fantasy schreibt, stehen in jedem Buch als „Schreibaufgabe“ meist um die zwei Kuss-Szenen an. Die Ableger der Astoria Files sind Romance Feenbücher, da sind es natürlich noch mehr Küsse.

Ist küssen im Buch eigentlich ganz einfach?

Heute entspann sich eine interessante Diskussion in einer englischsprachigen Facebook Autor:innengruppe darum, ob wir Autor:innen gern Kussszenen schreiben oder wir sie fürchten.
Viele antworteten, sie fürchten das Schreiben von Kuss-Szenen. Denn Kuss-Szenen lesen ist toll — Kuss-Szenen gut schreiben ist gar nicht leicht.

Aus Autorensicht steht dabei an:

Man will die Emotionen genau beschreiben, dieses Prickeln, die Ungewissheit, die Leidenschaft. Denn ohne die, klingt es nach Sex-Manual: „Jetzt nagt er an der Unterlippe. Wenn sie stöhnt, lutscht er an der Oberlippe …“

Aber ohne Handlung und nur Emotion ist auch nix. Das liest man häufig in Büchern, wo die Autoren sich vor der „Arbeit“ einer Kuss-Szene drücken. Da singen dann nur Herzen im Takt und Ströme von Gefühlen sausen durch die Heldin. Und man denkt: „Wow, dabei hat er nur seine Lippen einmal auf ihre gepresst. Oder was?“ ;-)
Wobei ein bisschen Vagheit ganz schön sein kann, denn jede/r von uns bevorzugt vermutlich andere Dinge beim Küssen. Wenn ich was lese, das ich selber nicht mögen würde, denke ich: „Wie, und das mag die?“. Der Gedanke dauert nur eine Sekunde, aber schwupps ist man aus dem Lesefluss gerissen.
Den Lesenden soll es gern etwas heiß und atemlos werden beim Lesen der Szene. Und das alles, während man im vollen Fahrt einen ganzen Roman schreibt: mit Antagonisten, also dem Bösewicht, der unseren Heldinnen das Leben schwermacht, mit Actionszenen, mit Worldbuilding …

Hier bitte noch romantischen Kuss schreiben

Mein Tipp in der Gruppe war, und so mache ich das wirklich: Ich notiere mir bei Kuss-Szenen (und bei Sex-Szenen): (leidenschaftlicher Kuss) oder (zärtlicher Kuss)
Und dann gehe ich zur nächsten Action des Kapitels über.
Echt.
Klingt vielleicht seltsam, aber es funktioniert gut.

Denn: Wenn man wie ich nicht viel Zeit zum Schreiben hat und sofort von 0 auf 100 loslegen muss, dann muss man viel damit arbeiten, wie man sich in diesem Moment fühlt. Und wenn ich mit 180 Sachen durch eine Actionszene gesaust bin, fällt es mir schwer, plötzlich quasi in Zeitlupe einen zärtlichen Kuss zu beschreiben. Es geht mir aber genauso, wenn ich gerade lustige Szenen oder lustige Dialoge geschrieben habe und jetzt soll plötzlich einer einen anderen Charakter quälen/verletzen oder jemand erfährt einen Verlust und wird trauern.
Ein Hoch auf Autorensoftware, wo man nicht linear schreiben muss. ;-)
Wenn ich in romantischer Stimmung bin, schreibe ich alle Kuss-Szenen des Buches hintereinander. Das hilft auch dabei, dass man sich nicht wiederholt – man hat ja noch genau im Ohr, was man 5 Minuten vorher für die andere Kuss-Szene geschrieben hat. Und der Text drumherum ist schon fertig – das hilft, weil ich dann weiß: Wo genau sind sie? Was hören sie? Gibt es Ablenkung? Sind sie ganz allein, wird die Kussszene länger, passiert gerade etwas anderes, wird sie kürzer. Denn: Es ist ja wichtig, in welchem Setting die Kussszene stattfindet. Oder? Wäre ja im echten Leben auch so.

Ist das nicht unromantisch, wenn man das in Stücken schreibt?

Für mich als Autorin nicht. Ich schreibe es ja gerade an dem Tag, wo ich große Lust darauf habe, romantische Szenen zu schreiben. Wenn ich von etwas genervt bin und jetzt gern irgendwelche Charaktere einen Kopf kürzer machen möchte, wird die Kussszene vermutlich nicht so schön. ;-)

Wenn wir Autoren unseren Job gut machen, merken die Leser:innen es nicht, dass das nicht in einem Rutsch entstanden ist. Ich kenne keine „Beruf-Autoren“, die alles in einem Roman in einem Stück schreiben. Manche lassen die Dialoge erstmal raus. Ganz viele hassen es, Übergänge zu schreiben und machen das gebündelt am Schluss. (Also sowas wie „Drei Stunden später standen wir völlig durchnässt im Elfenzirkel …“) Da hat so jeder seine „Favoriten“. Im zweiten Durchgang durch das Manuskript wird dann all das ergänzt, was noch fehlt. Man glättet den Text, damit man die „Puzzlestücke“ nicht mehr erkennt. Danach beginnt erst die Phase, die ich am schönsten finde: Sich jede einzelne Szene vorzuknöpfen und so lange zu verschönern, bis der Text leuchtet. Ob man einzelne Teile am Stück oder nicht geschrieben hat, weiß man sogar selber oft gar nicht mehr.

Den Kuss mit allen Sinnen genießen

Zum Ausklang noch eine Szene aus Winterfee für euch. Astrid hatte einen furchtbaren Tag, Paci hat sie mit Elfenmagie geheilt und jetzt kommen sie sich näher.

Mir sind die Sinne, also Fühlen, Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, in allen Szenen eines Buches sehr wichtig, auch beim Kuss. Mein Vorbild sind Autor:innen, wo mir bei den Kuss- oder Liebesszenen eine wohlige Gänsehaut den Rücken herunterläuft beim Lesen, weil man an genau der richtigen Stelle das Raunen seiner Stimme hört oder den Druck seiner Zähne durch den leichten Stoff spürt. Aber über Sinne müssen wir ein andernmal sprechen, sonst wird dieser Blogpost ein Roman. :-)

Pacis Augen leuchteten in einem betörenden Himmelblau, als er sich näher zu ihr beugte. Sein hinreißender Meeresduft stieg ihr verlockend in die Nase. 
Mit einem kleinen Stöhnen atmete Astrid aus und schloss die Augen. Endlich! Endlich würde er sie wieder küssen. Sein Atem strich warm über ihre Lippen, aber noch berührten sich ihre Münder nicht.
Astrid öffnete die Augen wieder und begegnete Pacis neckendem Blick. Er genoss es, dass sie es kaum noch abwarten konnte.
Astrid grub die Finger in die seidenweichen Haare in seinem Nacken und zog seinen Kopf näher. Neckend fuhr sie mit der Zungenspitze seine Lippen entlang. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und schnürte ihr den Atem ab. Was tat sie da bloß? 
Er zog sie mit einem leisen Stöhnen enger an sich und vertiefte den Kuss. Astrid verlor jeden klaren Gedanken, als sie seine warmen Lippen weich und fordernd zugleich auf ihrem Mund spürte. Sie schloss die Augen und gab sich dem Kuss hin, genoss das berauschende Gefühl, in seinen Armen zu sein. Er legte die Hände an ihre Taille und streichelte sie durch den dünnen Stoff der Seidentunika. (Winterfee)



^