Titel: Feenreich
Serie: Astoria Files #2
Erscheinungdatum: 2016
Genre:
Seitenanzahl: 366
ISBN13: 9781370154739
ASIN: B01LXV56TP

Spieledesignerin Alanna weiß inzwischen, dass Magie und Feen real sind. Aber nichts hat sie vorbereitet auf den Tag, an dem die Feenpolitik mit Macht in ihr Leben einbricht.

Alanna und der in Ungnade gefallene Elbenkrieger Mattis sind sich einig: Sie wird alles in ihrer Macht stehende tun, um Faerie vor den tödlichen Dornen zu retten. Mattis wird im Gegenzug dafür sorgen, dass Alanna nach Hause in die Menschenwelt zurückkehren kann. Aber mit jedem Schritt türmen sich neue Hindernisse vor den beiden auf.

Die Chancen stehen schlecht, aber Alanna hat sich ihr Leben lang in Computerspielen mit Feengegnern herumgeschlagen. Da wird sie sich von einer zickigen Elbenkönigin und ein paar tödlichen Dornen nicht einschüchtern lassen.

Band 2 der Astoria Files-Serie.

Romantische Urban Fantasy

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EINS

»Maaaamaaaaa«, quäkte der kleine Junge und zog dabei das Wort unendlich in die Länge in seinem Protestgeheul. Seine langen Eselsohren hingen schlapp herunter vor lauter Traurigkeit und seine breiten Lippen zitterten. Ganz sicher waren Tränen im Anmarsch.

»Ich habe gesagt: ›Keine gezuckerten Mandeln mehr‹, und dabei bleibt es!« Seine Mutter zog an der Jacke des Jungen, damit er sich in Bewegung setzte. Sie war ungefähr halb so groß wie ich und ihr Sohn war noch kleiner. Er blieb wie festgemauert stehen und presste seine flache Nase gegen die Glasscheibe des Snackwagens. Die beiden waren Erdluitle – Erdleute – mit Entenfüßen und dunkelbrauner Haut, die mit hellbraunen Kringeln marmoriert war. Die Frau hatte lange weiße Haare, aber der Kopf ihres Sohnes war noch vom kurzen braunen Pelz der Erdluitle-Kinder bedeckt.

Ich hatte vor ein paar Minuten eine Tüte gemischte Nüsse bei demselben Snackverkäufer erstanden und war dann auf einen Felsen geklettert, um nach einem verrückten Tag etwas zur Ruhe zu kommen und einen Happen zu essen. Der Felsbrocken befand sich ganz nah an der Höhlenwand und bot einen unvergleichlichen Ausblick über den ganzen Feenmarkt.

Die Erdluitle-Familie war noch nicht einmal das Seltsamste, das ich von meinem Ausguck aus entdecken konnte. Vor Jahrhunderten hatten Elben mithilfe der Ley-Linien eine magische Kugel vor den Toren Torontos erschaffen. Das Leben in der Kugel kam angeblich dem in Faerie so nah, wie man ihm kommen konnte, ohne Albion – die Menschenwelt – zu verlassen. Zauber zu wirken war viel einfacher in diesen Feenkugeln als außerhalb, aber die Menschenmagier hatten keine Ahnung, dass diese besonderen Orte existierten. Ich war die große Ausnahme.

Um hier hereinzukommen, musste ein Fee für einen bürgen und man musste eine Anstecknadel besitzen, die einem den Weg zeigte. Unsichtbare Eingänge waren sehr beliebt bei den Feen. Man musste auch eine Passage durch einen Baum mit Magie öffnen, Kettensägen einzusetzen war nicht erlaubt.

Elbhold zu betreten war das ganze Theater aber wert. Faun-Bands spielten mitreißende Musik und die Luft war gefüllt mit einem verlockenden Mix aus Düften nach Räucherwerk, Backwaren und Fleisch, das über Holzfeuern briet. Zu Ehren der Wintersonnenwende verzierten rote, weiße und grüne Dekorationen jeden Winkel der Höhle. Feenwesen ganz verschiedener Rassen hatten sich in Schale geschmissen und rührten in großen Kesseln über offenen Feuern. Die Düfte der Getränke, die sie herstellten, waren so stark, dass man schon allein vom Einatmen etwas betrunken wurde.

Wenn die Dämpfe dich nicht schwindlig machten, dann die Elben, die sich zur Feier des Tages hier versammelt hatten. Während ich meine Nüsse knabberte, bewunderte ich ihre schönen Gesichter und ihr seidiges langes Haar, das aussah wie direkt einer Shampoo-Werbung entsprungen. Selbst ihre Gesten waren pure Anmut. Und ihre Klamotten … Ich sehnte mich danach, einen ganzen Schrank voll solcher Hemden und Tuniken zu besitzen, alle in blassen Grün- und Brauntönen gehalten und üppig bestickt mit floralen und abstrakten Mustern. Enge Stoff- und Lederhosen zeigten, wie fit die Elben waren. Selbst ein beiläufiger Blick aus ihren leuchtenden Augen ließ mich für eine Sekunde einfrieren. Würde ich eines Tages abstumpfen ihrer Schönheit gegenüber?

Ein weiterer Anblick, an den ich mich noch nicht gewöhnt hatte, waren ihre Waffen. Es verunsicherte mich, dass so viele der Männer und Frauen ihre Dolche und Schwerter offen zur Schau stellten und mit ihnen herumstolzierten, als wären die Waffen Dekoration. Der Anblick war besonders seltsam an einem Tag wie heute, wo die Waffen im krassen Kontrast standen zu den Mistelzweigen und Weihnachtsgesängen.

Okay, man sollte meinen, ich hätte mich inzwischen an den Anblick von Schwertern und Dolchen gewöhnt, da meine Einführung in die Welt der Feen an der Hand eines Elbenkriegers passiert war. Aber ich hatte Mattis erst ein einziges Mal ohne den Illusionszauber gesehen, der seine Elbennatur und seine Waffen verbarg. Wenn er sich unter dem Zauber versteckte, war kein Schwert und noch nicht einmal ein Messer sichtbar. Als Mensch getarnt, sah er aus, als arbeite er als Unterwäsche-Model oder bräche reihenweise die Herzen von Highschool-Mädchen, während er sie in Geschichte unterrichtete. Man käme nie auf den Gedanken, dass es sein Traumjob war, Schwerter mit bedrohlichem Knurren durch die Gegend zu schwenken.

Die meisten Wesen, die die verzweigte Höhle von Elbhold bevölkerten, waren jedoch keine Elben, sondern kleine Feenrassen. Brownies, ihre Cousins, die Wichtel, und Dutzende von Korreds wuselten um die Beine der hochgewachsenen Elben herum. Die kleinen Feenrassen zogen sich mal modern und mal altmodisch an, manche kombinierten Kinder-Jeans zu Fellstücken, T-Shirts und Shorts zu Leinenklamotten.

Die Wichtel sahen aus wie lebendig gewordene Gartenzwerge mit ihren roten Zipfelmützen und freundlichen Gesichtern. Korreds waren mir neu und ich hätte auch gut ohne diese Feenrasse weiterleben können. Genau wie Brownies sind sie ungefähr kniehoch. Sie haben einen Buckel und ihr gesamter Körper, sogar ihr Gesicht, ist mit zottigem schwarzen Haar besetzt. Ihre Augen liegen tief in den Höhlen und sie leuchten hart und rot wie Rubine. Sie haben keine Hände, sondern Tatzen mit Katzenkrallen – und Hufe anstatt Füße. Wenn ich seltsame Wesen wie die Korreds in Elbhold sah, fiel es mir schwer zu glauben, dass es nur wenige Feen in Albion gab. Man käme vor allem heute nicht auf den Gedanken, wenn man Elbhold erlebte. Die Wintersonnenwende war das Weihnachtsfest der Feen – und sie waren zuhauf gekommen.

»Siehst du den baumlangen Kerl da drüben, der mit der Brownie-Frau über den Preis eines Baguettes diskutiert?« Mattis nahm meine Hand, als er merkte, dass ich in Gedanken woanders war. Wärme durchdrang meine Haut, wo er mich berührte. Das lag ausnahmsweise nicht an einem Zauber, sondern nur an meiner eigenen Verliebtheit. Schade, dass wir in einem ewigen Tanz aus »Mag er mich auch oder mag er mich nicht?« gefangen waren.

Mattis war der erste Elf, den ich je getroffen hatte. Zumindest der erste Elf, der mir zeigte, wie er wirklich aussah, wenn er sich nicht hinter Illusionszaubern versteckte, mit denen er als Mensch durchgehen konnte. Er sah keinen Tag über dreißig aus, aber ging stramm auf die siebenhundert zu. Selbst wenn er sich als Mensch tarnte, trug Mattis sein kastanienbraunes Haar lang, bis weit über die Schultern, vorn zu zwei schlanken Zöpfen geflochten. Wenn ich nicht auf der Hut war, konnte er mich mit einem einzigen Wort oder einem Blick aus seinen smaragdgrünen Augen verzaubern. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Mattis behauptete, dass er mich noch nie mit Absicht verzaubert hatte, aber ich war mir nicht sicher, ob ich ihm das glauben sollte. Auch jetzt löste seine Stimme ein Sehnen in mir aus, den dringenden Wunsch, ihm näherzukommen. Dabei sprach er von irgendwelchen Feen und Baguette!

Wir waren hier, um einen Auftrag zu erfüllen. Durch ein Portal reisen, Faerie vor einer grässlichen Dornenplage retten und so weiter. Aber ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass wir diesen ganzen Mist für eine Nacht vergessen  und einfach nur diesen zauberhaften Ort und uns genießen könnten. Mein Chef, Rufus Dean, hatte uns gleich nach unserem ersten Kuss für mehr als eine Woche getrennt, daher war es jetzt echt hart, Mattis nicht in die Arme zu springen.

»Er ist ein Fossegrimm.« Mattis deutete auf ein spindeldürres Wesen in einem langen roten Mantel. »In Faerie gehörten sie zur Domäne des Flusskönigs. In eurer Welt sind sie vermutlich Einzelgänger und ziemlich selten.« Sein Atem streichelte meine Wange mit jedem Wort und sein betörender Duft stieg mir in die Nase. Ich musste mich ganz schön anstrengen, um mich auf den Feenmann zu konzentrieren, auf den Mattis gezeigt hatte. Das Haar des Mannes hing in dicken goldenen Locken bis auf seine Schultern und den roten Mantel. Er war hübsch, aber sein Gesicht hatte einen grauen Schatten. Seine Hautfarbe sah noch fahler aus durch seine Kleidung aus blauem Tuch. Ich drückte mich enger an Mattis’ Seite, als der Fee seinen Mund weit aufriss, um die Brownie-Frau anzubrüllen, und dabei spitze, salbeigrüne Zähne entblößte. Es verstörte mich immer noch, Feenwesen ohne Illusionszauber zu sehen.

Mattis machte einen Schritt zur Seite, sodass ich ihn nicht mehr berührte.

Ich hob die Augenbrauen hoch. »Hast du Angst, dass uns jemand sehen könnte?«

Es war eigentlich ein Scherz gewesen, aber Mattis’ Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. »Du weißt, wen wir hier treffen sollen. Es wäre mehr als unglücklich, wenn Talanias Höflinge bemerken, dass wir Gefühle füreinander empfinden.«

Gefühle füreinander empfinden … Das klang doch ein bisschen hoffnungsvoll für mich, oder? Gut, es klang nicht so direkt, als sei er lichterloh in Liebe entbrannt …

»Aber …« Weiter kam ich nicht.

Mit einem schrillen Surren ihrer Flügel erschien Kankalin direkt über unseren Köpfen. »Pfui! Hör auf zu nölen!«

Wie immer hatte Mattis’ Begleiterin den blödesten Moment für ihren Auftritt abgepasst.

Kankalin war eine Reav. Das waren kleine Feen – nicht größer als ein Kaffeebecher – mit Schmetterlingsflügeln. Sie traten normalerweise in Schwärmen von zehn und mehr auf, aber Kankalin war eine Einzelgängerin und extrem loyal Mattis gegenüber. Sobald wir in Elbhold eingetroffen waren, hatten wir sie losgeschickt, um die Elben zu finden, die wir hier treffen sollten. Die vier Elbenkrieger würden uns auf dem Weg nach Faerie beschützen.

Elbhold war nur ein Boxenstopp, bevor wir die Erde endgültig hinter uns ließen. Mattis bestand darauf, dass Faerie sich ebenfalls auf der Erde befand, nur auf einer anderen Existenzebene. Wir Menschen teilen uns diesen Gesteinsbrocken im All mit zwei anderen Reichen. Ich würde also nicht ins Weltall hinaufgeschossen heute Nacht, sondern nur durch ein Portal von einer Ebene in eine andere reisen. Trotzdem nicht gerade ein sehr beruhigender Gedanke.

Ich war sehr dafür gewesen, Kankalin wegzuschicken, damit ich etwas Zeit allein mit Mattis hatte. Aber nein, hier war sie natürlich schon wieder.

Ihre orange- und minzgrünen Flügel regneten Glitter. Sie hatte einen Hang dazu, wenn sie aufgeregt war – oder vielleicht tat sie es auch nur, um mich zu ärgern. Ich rutschte von meinem Ausguck, damit der Glitzerstaub mich nicht traf. Er störte Mattis nicht im Geringsten, aber bei Kontakt mit Menschenhaut brannte das Zeug wie Feuer.

Kankalins schwarze Insektenaugen flitzten zwischen uns hin und her. »Können wir uns jetzt mal um den Auftrag kümmern?« Sie blies ihre Backen auf und machte ein unfeines Geräusch. »Ehrlich jetzt, ihr zwei. Großfüßler machen alles sooo kompliziert. Ihr hattet genug Zeit. Küsst euch, paart euch, dann zieht ins nächste Abenteuer. Wenn ihr ein Baby bekommt, freut euch.« Sie flog mit surrenden Flügeln in irritierenden Kreisen um uns herum.

Meine Wangen brannten.

»Was machst du eigentlich hier?«, fragte Mattis. Er ignorierte natürlich Kankalins Spruch. Seine Geduld mit der kleinen Schmetterlingsfee war endlos – da war sie die große Ausnahme.

»Es geht um die Höflinge«, quiekte Kankalin. »Du musst schnell kommen, Mattis. Sie hat Tereth geschickt.« Sie verschluckte sich vor Schreck. »Entschuldigung! Ich meine: Fürst T.«

»Wer ist denn Tereth?«, fragte ich.

Mattis und Kankalin zuckten zusammen.

»Psssst«, zischte Kankalin mich an. »Sag den Namen nicht.«

»Was denn?« Ich rollte die Augen. »Sind wir hier in der Sesamstraße? Willst du mir ein A verkaufen?«

Kankalin sah mich einen Moment verwirrt an, dann drehte sie mir demonstrativ den Hintern zu und sprach nur mit Mattis. »Die Königin hat ihm erlaubt, eine Triesta zu gründen. Sie haben sich im Ember’s Embrace verschanzt.«

Mattis’ Gesicht verfinsterte sich und er seufzte genervt.

»Was ist eine Triesta?«, hakte ich nach.

»Ein kleiner Elbenhof.« Mattis’ Finger spielten mit den Blättern, die die Parierscheibe seines Degens verzierten. »Die Königin von Faerie kann vor einem Kriegszug oder einer Queste eine Triesta gründen. Sie bestimmt einen König oder eine Königin, die die Triesta regiert. Die anderen Elben müssen diesem König oder dieser Königin gehorchen, als ob die Königin von Faerie selbst die Anweisungen gäbe.«

»Ich kapier noch nicht, warum …«, setzte ich an.

»Der Anführer einer Triesta hat die absolute Macht über die Elben an seinem Hof«, unterbrach mich Mattis. »Er kann auf ihre Essenz für seine Zauber zurückgreifen und sie dabei sogar leeren. Er kann Verträge eingehen, die für die Elben bindend sind, selbst nachdem die Triesta wiederaufgelöst wurde.« Er rieb eine Hand über sein Gesicht. »Sie hat ihm jede Möglichkeit gegeben, das Leben für die Elben an seinem Hof zum Gräuel zu machen, und für jeden, der ihn verärgert.«

»Seine Triesta hat keine Königin.« Kankalins Stimme wurde noch schriller. »Zwei Elben wetteifern, seine Königin zu werden, und Fürst T. stachelt sie auch noch an.«

Mattis seufzte. »Konnte er nicht einfach hier aufkreuzen und uns sicher durch das Portal bringen, wie es ihm aufgetragen worden ist?«

»Sei nur froh, dass er seine Sturmtänzer zu Hause gelassen hat«, zwitscherte Kankalin.

»Ich bin für jedes kleine Wunder dankbar«, sagte Mattis. Er atmete hörbar aus und straffte die Schultern. »Auf geht’s.«

Ich hielt mit ihm Schritt. »Wer sind die Sturmtänzer?«

»T’s persönliche Leibwache.« Mattis sah angewidert aus. »Sidhe, die für ihre Kampfkünste bekannt sind, nicht gerade für ihre Intelligenz. Ich bin mir sicher, er ist hier ohne sie aufgekreuzt, nur weil er alle bis auf zwei kürzlich in einem Kampf eingebüßt hat.«

Kankalin verzog angewidert das Gesicht. »Och, ich habe die Spielchen am Hof so satt. Vielleicht bleib ich in Albion.«

Ich hielt den Atem an. Würde Mattis ihr zustimmen? Ich hatte versprochen, ihm dabei zu helfen, seine Heimatwelt zu retten, aber was ich wirklich wollte, war, dass er bei mir in Albion blieb. Ich musste ihn irgendwie dazu bringen, dass er einsah, dass ein Leben unter der Fuchtel der Elbenkönigin schlimmer war, als in Albion zu leben – selbst wenn es in Albion für Mattis’ Geschmack zu wenig Magie gab. Er dürfte sich auch nie in seiner wahren Gestalt zeigen. Mein Herz zog sich jedes Mal zusammen, wenn ich darüber nachdachte, was Mattis alles aufgeben müsste, um bei mir zu bleiben.

Was waren die Alternativen? Ich wollte nicht gern darüber nachdenken. Ich würde ihn aufgeben, wenn er mich nicht liebte. Oder – wenn er sich auch in mich verliebt hatte – ich könnte bei ihm in Faerie bleiben. Das hieße dann aber: für immer.

Ich hatte Faerie noch nie gesehen, also fiel es mir schwer, mir diese Option vorzustellen. Aber selbst wenn ich mich Hals über Kopf in das Feenreich verlieben würde, würde es mir schwerfallen, mein bisheriges Leben einfach aufzugeben. Ich liebte meine Arbeit als Spieleentwicklerin bei Astoria. Und die IT-Firma war nur eine Tarnung: Wir verdienten unser Geld mit Computern und Software, aber Astorias wahres Ziel war, ein sicherer Ort für alle Menschen zu sein, die Magie wirken konnten. Weltweit beschäftigte Astoria Zehntausende Zauberer, bezahlte uns, bot uns eine Wohnung und Essen und regelmäßiges Training im Zaubern. Ich hatte Freunde bei Astoria in Toronto gefunden und war erst heute in die Gilde der Magier aufgenommen worden. Ein ganz großes Ding für mich, denn ich hatte seit dem Tod meiner Großmutter ohne richtige Familie gelebt. Die Magier waren jetzt meine Familie. Ich konnte mir nicht vorstellen, sie aufzugeben, ohne einen Stachel in meinem Herzen mit mir herumzutragen, der im Laufe der Zeit zu schwären beginnen würde.

Mattis stupste Kankalin an. »Vielleicht sollte ich dich hier lassen, wenn du der Spielchen am Hof so müde bist.«

Kankalin prockelte mit einem Finger in ihrem Ohr und inspizierte dann das klebrige Zeug, das sie hervorgeholt hatte, bevor sie es wegschnipste. »Du oder welche Armee will mich davon abhalten, dir nach Faerie zu folgen?«

Mattis’ Augen glitzerten. »Dann lasst uns mal diesem Fürst einen Besuch abstatten.« Er machte einen Schritt vorwärts, drehte sich aber dann so abrupt zu mir um, dass ich nicht mehr bremsen konnte und auf ihn prallte.

»Du darfst ihn nicht erzürnen, Alanna.« Er packte meine Schultern so hart, dass ich erschrak. »Er ist wie einer eurer sadistischen Könige aus dem Mittelalter. Mit dem feinen Unterschied, dass er die Erfahrung von siebenhundert Jahren mitbringt und so exzellent zaubern kann, dass weder Rufus noch ich ihn je stoppen könnten.«

Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Neben Mattis war mein Chef, Rufus Dean, der beste Magier, den ich bisher getroffen hatte. »Ich kapier’s nicht. Er ist ein Elf und in deinem Team. Er muss doch einer der Guten sein.«

Mattis schnaubte. »Elben leben Tausende von Jahren. Wir sind komplexer als gut oder böse, Licht- oder Dunkelelf. Ich habe dir doch von meinem Leben am Hof erzählt.«

Ein paar Schachzüge von anderen am Goldenen Hof der Feenkönigin hatten für Mattis bös geendet. Die Feenkönigin hatte Mattis ins Exil verbannt – ein Exil, das sie so gewählt hatte, dass es nur eine geringe Chance gab, dass er es überleben würde.

Mattis legte einen Finger unter mein Kinn und hob meinen Kopf, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. »Es tut mir leid, dass ich dich nicht besser darin unterrichtet habe, mit mächtigen Sidhe umzugehen. Ich wollte dich nicht noch mehr verschrecken. Jetzt musst du dich an den anderen orientieren und auf der Hut sein. Falls er«, er hielt bedeutungsschwanger inne und ich übersetzte es zu »Tereth« in Gedanken, »auch nur eine Ahnung bekommt, dass er dich benutzen kann, um mich zu quälen, wird er dein Leben zu einem wandelnden Albtraum machen, wie ihr Menschen es nennt.«

»Mann, was hast du dem Typen angetan?«, fragte ich mit einem Stöhnen.

Mattis zuckte die Achseln. »Dazu gehört nicht viel. Du musst vor ihm im Staub kriechen oder er versucht, dich zu zerstören.« Seine Hände umfassten mein Gesicht, zwangen mich, den Blick nicht von seinen leuchtend grünen Augen zu nehmen. »Lanna, versprich mir, dass du das nicht vergisst.«

Ich entzog mich seinem Griff. »Ich versuch’s, aber ich kann es nicht versprechen. Es liegt mir nicht, vor jemandem zu buckeln.«

Mattis lachte bitter. »Dann sind wir schon zwei. Ich bete, dass wir diesen Ort mit allen Gliedern intakt verlassen.« Er warf Kankalin einen scharfen Blick zu. »Kankalin, keine frechen Sprüche, wenn wir uns mit ihm treffen.«

»Als ob ich so doof wäre«, kam die Stimme der Reav von links hinter mir. Sie klang kleinlaut.

»Und keiner von euch erwähnt den Vertrag zwischen Alanna und mir«, fügte Mattis im Flüsterton hinzu.

»Oh Mann, erinnere mich nicht an den Wahnsinn.« Kankalin machte ein Brechgeräusch und flog surrend davon. In Sekunden war ihre kleine Gestalt in der Menge verschwunden.

Ich drehte mich zu Mattis um. »Warum weiß sie von unserem Vertrag? Ich dachte, das sei unser Geheimnis?« Kankalin war nicht bei uns gewesen, als wir abmachten, dass Mattis mich in Faerie beschützen würde, wenn ich versprach, alles zu tun, um den Ring aus Abwehrzaubern um Faerie zu reparieren.

Mattis deutete auf den Kragen seines Mantels. »Du vergisst, dass sie oft unbemerkt mitreist.«

Ich verzog das Gesicht. »Ich werde dich überall abtasten, bevor ich dich das nächste Mal küsse.«

Mattis’ Augen leuchteten auf. »Ich bitte darum.«

 

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