Titel: Dornenspiele
Serie: Astoria Files #1
Erscheinungdatum: 2016
Mitwirkende: Telse Wokersien, Brida Anderson
Genre:
Seitenanzahl: 431
ISBN13: 9781311248909
ASIN: B00WEEUT4W

Alanna arbeitet als Spiele-Entwicklerin bei der IT-Firma Astoria und ist kurz davor, sich Kaffee intravenös verabreichen zu lassen. Denn ausgerechnet als ihr eine Deadline im Nacken sitzt, spielen alle Computer in ihrer Nähe verrückt.

Sie ist als Magierin erwacht — aber wie soll sie Jahre des Trainings in ein paar Monaten nachholen?

 

Der einzige, der ihr weiterhelfen kann, ist ein Mann, der aus dem Nichts bei Astoria auftaucht — groß, dunkelhaarig, strahlend schön. Alanna verliebt sich Hals über Kopf in ihn und weiß nicht, dass sie für Mattis nur eine Mission ist, die er für die Elbenkönigin erfüllen muss.

Kauf das Buch hier: Amazon |  Amazon |  Hugendubel |  iBooks |  Smashwords |  Thalia

Weitere Bücher in dieser Serie:

Prämisse: Stell dir vor, dein Smartphone ist so perfekt, weil es im Geheimen mit Magie betrieben wird. Und jetzt stell dir vor, das Land der Feen gibt es wirklich – und sein Überleben hängt von dir ab. Leider hast du bis heute noch nie etwas von realer Magie gehört und gedacht, Elfen kommen nur in Fantasy-Büchern vor …

Alanna Atwood entwickelt Fantasy-Spiele bei Astoria, dem angesagtesten Software- und Hardware-Anbieter der Welt. Momentan kämpfen sie und ihr Team darum, ein Elfen-Rollenspiel rechtzeitig fertigzustellen, das man mit modernster Technik hautnah erleben kann. Von einem Tag auf den anderen stürzen Computer in Alannas Nähe ab und sie vermurkst Codes, ohne auch nur einen Finger zu heben. Astorias Geschäftsführer Rufus Dean, in den Alanna schon ewig verliebt ist, weiht sie ein: Magie gibt es wirklich. Alles bei Astoria ist ein Mix aus Technik und Magie. Die Firma ist nur der Deckmantel, unter dem sich alle magisch Begabten weltweit organisiert haben. Jeder magisch Erwachte durchläuft eine Probezeit von sechs Monaten. Am Ende der Frist wird in einer Prüfung getestet, ob er oder sie den Anforderungen bei Astoria gewachsen ist – sowohl den beruflichen wie den magischen. Wer die Prüfung nicht besteht, fliegt raus – natürlich nach dem Unterzeichnen von zig Verschwiegenheitserklärungen, die mit einer großzügigen Abfindung versüßt werden. Alanna hat am Tag zuvor kläglich bei ihren ersten Versuchen zu zaubern versagt. 

In der folgenden Szene unterhält sich Alanna mit ihrer zukünftigen Lehrerin, Elizabeth Birch, in Rufus’ Büro, während er die ganze Zeit telefoniert. Ein paar Räume weiter wird gerade Mattis einer Prüfung unterzogen. Niemand der Anwesenden weiß, dass Mattis ein Elf und erst am Tag zuvor aus Faerie in die Menschenwelt gereist ist, um hier einen bestimmten Menschen zu finden, der seine Welt retten soll.

Meine Laune sank minütlich. »Warum erzählen Sie mir dann, dass ich meinen Job verliere?«

Birch sah mich mitleidig an. »Alanna, alle höherrangigen Positionen bei Astoria sind Magiern vorbehalten. Vor allem in der Software- und Produktentwicklung.«

Das wurde ja immer besser. Shit.

Birch bemerkte meine Wut. »Das müssen Sie verstehen. Alle unsere Produkte sind eine Mischung aus Technologie und Magie. Jeder, der mit sensiblen Daten umgeht, muss ein Gildemagier sein.«

»Also sind alle Vorstände und Abteilungsleiter …«, setzte ich an.

»Alle Magier? Ja.«

Ich versuchte mir den übergewichtigen Finanzvorstand Hank Wilson in einem Zaubererumhang mit Glitzersternen und spitzem Hut vorzustellen. Angela Zhao oder Sybil Pecheur, wie sie Runen auf Post-its kritzelten, um zu zaubern. Unvorstellbar. Herrje, Alanna, jetzt konzentrier dich darauf, worum es hier eigentlich geht!

›Herrje, Alanna, jetzt konzentrier dich darauf, worum es hier eigentlich geht!‹, ermahnte ich mich. »Ich habe mir die letzten sechs Monate den Hintern aufgerissen und jetzt werde ich rausgeschmissen wegen irgendeines obskuren Tests, der nichts mit meiner Arbeit zu tun hat?« Ich funkelte Birch wütend an.

Rufus ließ sich neben mir auf die Couch fallen, das Headset zwischen die Finger geklemmt. »Super, wie du hier positive Stimmung verbreitet hast, Birch.« Sein Ton war schneidend. Er legte mir den Arm um die Schultern. »Du wirst nicht bei der Weihe versagen, Alanna.«

Birch öffnete den Mund. Bestimmt, um ihm zu widersprechen. Ein wütender Blick von Rufus ließ sie den Mund kommentarlos wieder zuklappen.

»Ich spreche gerade mit allen Gildemeistern über deine Probezeit. Die Frist traf auf dich nicht zu, bevor deine Magie erwacht ist. Offiziell müsste deine Weihe bald stattfinden, weil du schon sechs Monate hier bist. Aber es wäre nicht fair, da du ja überhaupt keine Chance hattest zu trainieren. Also bestehe ich auf einer Verlängerung der Probezeit. Mach dir deshalb keinen Kopf, wirklich.« Er drückte meine Schulter. »Wir machen einen Schritt nach dem anderen. Jetzt fängst du erst mal mit dem Unterricht an. Und wenn klar ist, was du gut kannst, sehen wir weiter. Okay?« Er drückte mich noch einmal an sich.

Ich war so erleichtert über das, was er gesagt hatte, und darüber, seine Unterstützung so deutlich zu spüren. Ich lehnte mich an ihn — und bemerkte Birchs missbilligenden Blick.

Meine Wangen brannten vor Hitze, als mir klar wurde, wie Rufus’ Trost wohl auf einen Außenstehenden wirkte. Sie musste doch glauben, dass Rufus und ich ein Verhältnis geheim hielten. Oder auch nicht geheim hielten, so wie er mich vor ihr berührte. So sehr ich auch seine Aufmerksamkeit und seine Nähe genoss, ich wusste, dass es nicht hilfreich war, wenn Gerüchte von unserer angeblichen Affäre die Runde machten. Ich schlüpfte aus Rufus’ Umarmung und lächelte ihn mit gespielter Zuversicht an. »Lasst uns loslegen.«

»Ausgezeichnet.« Rufus stand auf. »Dein erster Kurs ist heute Nachmittag, bei Birch. Nick hilft dir, das ganze Zeug zusammenzusammeln, und zeigt dir, wo das andere Astoria-Gebäude ist. Der Zutritt ist nur Magiern gestattet, daher kennst du es noch nicht. Wir trainieren dort.«

Sein Telefon läutete mit einem Zen-Glockenton. Rufus verzog das Gesicht. »Es ist schon wieder Nigel. Er sitzt gerade in einer Evaluation.« Während er mit Nigel sprach, ging er zu seinem Schreibtisch und holte einen Ino heraus, den er mir in die Hand presste. Die Flügel flatterten emsig und das kleine Tablet — vermutlich mein eigener Ino — versuchte davonzufliegen. Ich klammerte die Finger eisern darum, voller Angst, das kostbare Teil zu verlieren.

Als Rufus das Headset in die Tasche stopfte, glitzerten seine Augen vor Aufregung. Uh oh, das kannte ich gut. Irgendetwas Hübsches, Neues hatte Rufus’ Aufmerksamkeit geweckt. »Birch, wir werden bei der Evaluation gebraucht.«

Sie sah ihn ungläubig an. »Warum in aller Welt …«

Rufus war schon halb zur Tür raus. »Letzte Nacht hat sich ein Hedge-Magier beworben«, sagte er über die Schulter. »Es gab ein paar Unstimmigkeiten bei seinem Background-Check, das Sicherheitsteam geht gerade noch mal drüber. Aber er besteht alle Tests mit Bravour. So gut, dass Nigel mit ihm hierhergeflogen ist.«

Ich war verwirrt. Ich dachte, Hedge-Magier waren Ex-Magier ohne Talent? »Was macht denn ein Hedge-Magier bei Astoria?«

Rufus und Birch hatten das Büro schon im Eilschritt verlassen. Erwarteten sie ernsthaft, dass ich brav in mein Büro zurückging, nachdem ich das gehört hatte? Wenn sie mich nicht rauskickten, würde ich mir jetzt diese Evaluation angucken, die mir ja auch irgendwann bevorstand.

Ich rannte hinter Birch her und blieb in ihrem Windschatten, in der Hoffnung, dass sie mich nicht bemerkte. Es war gar nicht weit, nur einmal quer über die Vorstandsetage zu einem der großen Konferenzräume. Man konnte von außen nicht in den Raum hineinsehen und die Tür war mit einem Zahlenschloss gesichert. Rufus gab eine Kombination ein und die Tür öffnete sich mit einem Summen.

Ich quetschte mich direkt hinter Birch hinein und schob sie voran, damit die Tür nicht vor mir ins Schloss fiel.

»Alanna!«, zischte sie. »Sie dürfen hier nicht rein.«

Oh, das sah ich aber ganz anders! Ich hatte gerade den hinreißendsten Mann überhaupt gesehen.

Das Evaluationskomitee saß an einem langen Tisch. Es waren fünf Leute — drei Männer, zwei Frauen — jeder mit einem Ino bewaffnet. Mein Blick glitt sofort über sie hinweg, wie magnetisch angezogen von dem Mann, der dem Komitee gegenüberstand.

Der Hedge-Magier hatte die fünf Astoria-Typen mit gefasster Gleichgültigkeit im Blick. Er stand hochaufgerichtet, aber entspannt da. Und er war attraktiv! Ungefähr zwei Meter groß, schlank. Höchstens dreißig, eher jünger. Als er seine Arme vor der Brust kreuzte, spannten seine muskulösen Schultern das salbeigrüne Shirt. Sein Haar glitt mit der Bewegung über seine Schultern, ein Wasserfall aus Kastanienbraun, der knapp über seinem Po endete. Er hatte das Haar aus seinem Gesicht gebunden, zwei Zöpfe hingen von seinen Schläfen bis auf seine Brust. Ich ließ den Blick langsam die Zöpfe wieder hinaufgleiten und sah ihm zum ersten Mal ins Gesicht. Das intensive Grün seiner Augen fing mich ein und hielt meinen Blick gefangen. Er trug gefärbte Kontaktlinsen, das war klar. Vielleicht eine dieser Marken für Rollenspieler oder für Clubber, die die Augen verfremdeten, damit sie »dämonisch« aussahen. Die sexy Art von Dämon in diesem Fall.

Rufus sagte etwas zu Birch und mir, aber ich hörte ihm nicht zu. Vielleicht hatte Tara recht, wenn sie mich andauernd nervte, dass ich mal wieder ausgehen sollte? Ich begaffte den Hedge-Magier, als hätte ich noch nie einen attraktiven Mann gesehen.

Rufus zog mich mit einem genervten Schnauben in den Raum und drückte die Tür hinter mir ins Schloss. Die Trance verflüchtigte sich und ich konnte endlich den Blick von dem Typen wenden. Als ich stattdessen das Evaluationskomitee ansah, stöhnte ich innerlich. Ganz links saß Mike, meine Nemesis von Labor fünf.

»Herr Dean«, sagte die Frau, die uns am nächsten saß, »dies ist Mattis Firdrake. Er ist schon von Geburt an magiebegabt, aber ist bisher keinem unseren Agenten aufgefallen. Letzte Nacht hat er sich bei Astoria in Glastonbury beworben unter der Express-Zulassungsregel 82B. Seine Resultate lagen weit über dem Durchschnitt, daher wurde er vor einer Stunde für weitere Tests an uns überstellt.« Sie klickte etwas auf ihrem Tablet. »Ich schicke Ihnen seine Daten.«

Rufus hob einen Arm und legte einen Ino frei. Ich dachte, er benutzte schon das nächste Modell, das winzige Batphone, Pardon: Ikarus? »Schicken Sie es auch an Birch.«

Birch und er sahen sich die Daten an. Zu gern hätte ich auch gelesen, was dort über Firdrake stand. Die beiden sahen nicht auf die Tablets an ihrem Arm, sondern geradeaus in die Luft. Ihre Augen bewegten sich in schneller Folge von links nach rechts, als ob sie etwas lasen, das ich nicht sehen konnte.

Rufus bemerkte meinen verwunderten Blick. »Es ist ein NUI.«

Ein Natural User Interface? Wow. »Warum kann ich es dann nicht sehen? Worauf wird das Bild projiziert?«

Rufus drückte auf seinen Ino und sein Blick fand mich. »Es wird auf den äußeren Rand deiner Magie projiziert. Wo deine Magie die Umgebungsenergie trifft.«

Er hatte ein Gerät in seinem Arsenal, das Daten auf Magie projizieren konnte? Unglaublich.

Als ob es nicht der Rede wert wäre, wandte Rufus sich an Mattis. »Zeigen Sie mir etwas, das mich beeindruckt.«

»Wie wäre es mit einer Wette?« Mattis’ Stimme war tief und warm. Das spitzbübische Lächeln, das er Rufus und mir schenkte, raubte mir den Atem. Er zog einen Silberring vom Finger und hielt ihn Rufus auf der ausgestreckten Handfläche hin. »Derjenige von uns beiden, der zuerst diesen Ring bewegt oder verzaubert, darf ihn behalten.«

Rufus hob amüsiert die Brauen. »Ich nehme an, mit ‘verzaubern’ meinen Sie, den Ring per Illusionszauber zu verändern?«

Als Mattis nickte, ging Rufus zu ihm hinüber. »Lassen Sie mich den Ring mal sehen.« Er schnappte ihn von Mattis’ Handfläche und besah ihn gründlich von allen Seiten. Ab und zu geisterte dabei ein blaues Leuchten um seine Finger.

Neugierig trat ich neben die beiden. Der Ring war eine wunderschöne Arbeit. Das Silber zierte ein Band aus Splittern eines gefleckten Edelsteins.

»In Ordnung.« Rufus gab den Ring nicht an seinen Besitzer zurück, sondern legte ihn auf die Kante des Tisches, an dem das Komitee saß. »Der Erste, der den Ring bewegt oder optisch verändert, behält ihn. Bereit, wenn Sie es sind.«

Ich machte einen Schritt rückwärts, damit er zaubern konnte, ohne an mich zu stoßen.

»Ich bin zu allem bereit, seit ich auf die Welt kam«, sagte Mattis betont cool. Während ich innerlich über die Testosteronvergiftung stöhnte, leuchteten Rufus’ Augen auf. Vermutlich genoss er es, mal einem anderen Alphatier zu begegnen.

»Also auf drei?« Rufus grinste Mattis hämisch an.

»Wenn Sie das relevant finden.« Mattis sah vollkommen entspannt aus.

»Alanna, kommen Sie hierher«, zischelte Birch mir zu. »Magieduelle entgleisen leicht.«

Zögernd wich ich weiter zurück, bis ich neben ihr in der Nähe der Tür stand.

»Eins!«, rief Rufus laut. Seine Augen glitzerten.

»Zwei«, sagte Mattis uninteressiert.

»Drei.« Schon bevor er das Wort sagte, hob Rufus die Hände. Er malte mit den Fingern eine Figur in die Luft, direkt über dem Ring, ohne den Schmuck zu berühren.

Mattis machte nichts.

Der Ring sauste über die Längsseite des Tisches und fiel mit einem lauten Klappern auf der anderen Seite zu Boden.

»Was zum …« Rufus’ Hände waren noch erhoben. Er starrte Mattis argwöhnisch an und bewegte dann die Hände in einer komplizierten Geste. Ein großer metallener Ball erschien vor ihm in der Luft, schon auf Kollisionskurs mit Mattis. Die Kugel brannte lichterloh. Das Feuer knisterte so laut, dass das Geräusch den ganzen Raum füllte.

Birch und die Mitglieder des Komitees keuchten vor Erstaunen. Ich hatte keine Ahnung, wie magische Duelle funktionieren, also fühlte ich mich wie im Kino. Konnten die beiden einander real verletzen?

Mattis hob einen Finger und die Metallkugel geriet vom Kurs ab. Sie raste trudelnd in die Wand. An der Einschlagsstelle war der ehemals weiße Putz schwarz verbrannt und bröckelte. Das beantwortete wohl meine Frage: Rufus bluffte nicht.

Er schoss noch mehr Kugeln und Blitze auf Mattis. Mit jedem Versuch wurden sie größer und komplexer. Rufus bewegte sich so schnell, dass er nur noch verschwommen zu sehen war. Man wusste nie, wo er als Nächstes angreifen würde. Er war überall und nirgends, wurde zu einer geisterhaften Spur in der Luft. Kein Wunder, dass sie ihn zum Hohen Magier gemacht hatten, oder?

Mattis wehrte mit Leichtigkeit jede seiner Attacken ab und zahlte es Rufus nie mit gleicher Münze heim.

»Meine Stärke«, sagte er, als Rufus endlich schwer atmend eine Pause einlegte, »ist es, das Talent eines Magiers zu lesen und seine Schwächen. Ähnlich eurer Evaluation.«

Er ging zum Tisch des Komitees, um seinen Ring aufzuheben. Obwohl Mattis ihm den Rücken zukehrte, griff Rufus ihn wieder an und schickte ihm etwas auf den Hals, das wie eine Kobra aus Feuer aussah. Sogar auf der anderen Seite des Raums spürte ich noch die Hitze auf dem Gesicht. Mattis sah sich noch nicht einmal nach der bedrohlichen Erscheinung um. Er bewegte nur einmal die Hand, und die Kobra zerfiel in schimmernde Partikel, die zischend erloschen, als sie den Boden berührten.

Meine Güte, wo würden sie den Mann einsetzen? Welche Abteilung hatte das unverschämte Glück, dieses Eyecandy zu bekommen? Während der Großteil meines Hirns damit beschäftigt war, über jedes Detail von Firdrakes Körper zu sabbern, überlegte der Rest meiner Hirnzellen, wie ich herausfinden konnte, ob er ein Gamer war. Vielleicht könnte ich ihn mal zu einer LAN-Party einladen? Vorausgesetzt, ich schaffte es je, den Mumm zusammenzukratzen, ihn überhaupt anzusprechen.

Mattis lehnte sich über den Tisch, um seinen Ring aufzuheben. Während er sich vorbeugte, berührte er kurz Mikes Hand. Mike zuckte im Stuhl zurück.

Mattis zog sich auf seine Ausgangsposition zurück, einen Schritt vor dem Tisch des Komitees. »Stärken und Schwächen lesen …« Er legte den Kopf ein wenig zur Seite, als höre er jemandem zu, den ich nicht sehen konnte. »Dieser Mann dort, Mike — ich konnte seinen Nachnamen nicht aus seinen Gedanken lesen …«

Mike sah entsetzt von seinem Ino hoch.

»Er macht euch glauben, dass er ein exzellenter Magier ist. Seine Stärke sind Bannsprüche. Bei allem anderen gelingen ihm höchstens Zufallstreffer. Er beherrscht jedoch ein breites Repertoire an effekthascherischen Zaubern, um das zu verbergen, und …«

»Hey!« Mike sah leicht panisch aus. »Wie können Sie es wagen!«

»Halt die Klappe, Mike«, unterbrach ihn Rufus. Er hatte kaum die Stimme erhoben, aber Mike verstummte sofort.

Rufus schenkte Mattis ein Lächeln, das mir die Haare im Nacken aufstellte. Ich kannte diesen Ausdruck bei ihm. Kühle Kalkulation und ein guter Instinkt hatten gerade zusammen beschlossen, dass er ein schönes neues Spielzeug entdeckt hatte. Eins, das er besitzen und benutzen wollte. Bisher hatte ich diesen Gesichtsausdruck bei Rufus nur gesehen, wenn er ein Elektronikbauteil anschaute. Es war schaurig, den Blick zu sehen, wenn es um einen anderen Menschen ging.

»Ich bin sehr interessiert. Lassen Sie uns die Unterhaltung in meinem Büro fortsetzen.« Rufus nickte mit dem Kopf in Richtung Tür.

Ich trat ihnen in den Weg. »Lesen Sie mich, Herr Firdrake.«

Mattis wandte sich mir zu. Seine leuchtend grünen Augen trafen meine und ich stand wie erstarrt. Er hob die Hand, um mich zu berühren. Vermutlich brauchte er Hautkontakt, um das Talent eines Magiers zu lesen. Falls er das überhaupt wirklich konnte und die Geschichte mit Mike nicht nur Show oder ein Zufallstreffer gewesen war.

Rufus schob Mattis’ Hand weg, bevor er mich berühren konnte. »Alanna, geh zurück an die Arbeit. Das hier ist weit oberhalb deiner Autorisierungsstufe.«

»Das hier ist was?« Ich lachte. »Du sagst mir, dass meine Kräfte erwacht sind, aber ich kann keine Magie wirken. Also will ich, dass dieser Typ hier mich liest und mir sagt, was er sieht.«

Ich griff über Rufus hinweg und umfasste Mattis’ Arm. Mit der anderen Hand hielt ich krampfhaft meinen flattrigen Ino fest. Mattis’ Unterarm fühlte sich so hart wie Stein an. Hitze stieg durch den Stoff seines Hemdes auf.

Meine Haut kribbelte und ein heißer Stromschlag zuckte mir das Rückgrat hinunter. Es war so intensiv, dass ich unwillkürlich aufstöhnte.

»Du tust dir gerade keinen Gefallen«, zischte Rufus mich aus dem Mundwinkel an. »Geh in dein Büro und wir reden später.«

Birch sah von Rufus zu mir mit einer steilen Falte zwischen den Brauen.

Mattis legte seine Hand über meine. Ein Energiestrom schoss in mich hinein, stark genug, dass ich für einen Moment meine Hand nicht mehr spürte.

Er schüttelte den Kopf. »Etwas stimmt nicht.« Sein Blick suchte erneut meinen und ich fühlte mich wie gebannt von seinen Augen.

Rufus riss uns fast brutal auseinander und bugsierte den Magier aus der Tür. Durch den kleiner werdenden Spalt erhaschte ich einen letzten Blick auf Mattis. Er sah nachdenklich aus und schaute über seine Schulter zu mir. Die Tür schwang zwischen uns ins Schloss.

Mike schnipste mit den Fingern. »Frau Atwood, begeben Sie sich bitte in die Mitte des Raums.« Seine Stimme klang gepresst, als ob er lieber schreien würde, aber er hatte sich gerade noch im Griff.

Ich sah zu Birch. Das war jetzt nicht geplant gewesen. Oder hatte ich etwas verpasst?

Birch nickte mir zu. »Wir können es genauso gut hinter uns bringen«, sagte sie leise. Sie drehte sich zum Komitee. »Ihnen liegt Herrn Deans Evaluation vor. Dieses Treffen ist nur eine Formalität.«

Keins der Komiteemitglieder sagte ein Wort. Mein Radar für Büropolitik gab lautstark Warnung, dass diese Typen es gar nicht witzig gefunden hatten, wie ihnen Mattis’ Evaluation entglitten war. Einem von ihnen war sie sogar richtig um die Ohren geflogen — ausgerechnet demjenigen, der mich sowieso auf dem Kieker hatte. Der Streich, den wir Mike gestern in Labor fünf gespielt hatten, und das, was Mattis gerade getan hatte, könnten die Sache für mich echt brenzlig machen.

Ich ging in die Mitte des Raums und baute mich vor der Tischmitte auf. Ich kreuzte die Arme schutzsuchend vor der Brust, aber die Geste war linkisch, weil ich immer noch den Ino umklammert hielt. Ich ließ den einen Arm sinken. Ich würde das Tablet nicht loslassen und damit zugeben, dass ich es nicht kontrollieren konnte. »Ich kenne keine Zaubersprüche. Was soll ich dann für Sie tun?«

Fünf Paar Blicke durchbohrten mich.

»Versuchen Sie doch wenigstens, uns ein Beispiel Ihrer Zauberkraft zu geben«, sagte Mike. »Falls Sie sich dazu herablassen können.«

Ich holte tief Luft. Oh Mann.

Sie ließen mich die längsten fünfzehn Minuten meines Lebens erfolglos herumeiern, bevor sie aufgaben. Alle fünf tippten auf ihren Tablet-Computern herum und besprachen sich vermutlich in einem Chat. Ich hielt den Blick auf Birch gerichtet, aber sie bedeutete mir nur zu warten.

Endlich räusperte sich einer der Männer. Er hob sich vom Rest der Gruppe durch seinen tadellosen Anzug und die dünne Krawatte ab. »Dieses Komitee ist der Meinung, dass Sie eine Magierin sind, aber untalentiert.« Er hatte einen britischen Akzent und seine Stimme klang so kunstvoll moduliert wie die eines Nachrichtensprechers. Beides zusammen ließ das Urteil schrecklich offiziell klingen. »Wir können Rufus Deans Empfehlung, Sie auszubilden, nicht überstimmen, aber wir halten nachdrücklich fest, dass wir diese Entscheidung für eine grobe Verschwendung von Ressourcen halten. Tun Sie sich einen Gefallen und verzichten Sie auf die Ausbildung. Sie werden trotz Training nicht weiterkommen und Astoria verlassen, nachdem genau das in den Prüfungen der Weihe festgestellt wird.«

»Was?« Ich starrte ihn an. Ich war eine Norm? Ich war erwacht, aber konnte nie mehr als eine Norm sein? Hitze stieg mir ins Gesicht, als ich mitleidige Blicke von den Mitgliedern des Komitees auffing.

»Aber … aber ich bin doch noch nicht mal in einem einzigen Kurs gewesen!«, stotterte ich.

Birch ergriff meinen Arm. Ich verstummte, als sie mir einen warnenden Blick zuwarf und unmerklich den Kopf schüttelte.

»Bewerten Sie nicht zu hoch, was hier gerade gesagt wurde, Alanna.« Birch sprach etwas zu laut, ganz offensichtlich nicht nur für meine Ohren. »Sie müssen noch viel lernen, aber das wussten wir ja schon.« Sie zog die Tür auf und begleitete mich aus dem Konferenzzimmer. Sie hielt mich immer noch am Arm fest, als sie mit mir fast im Laufschritt durch die Vorstandsetage trottete. Ich konnte kaum mit ihr mithalten. Ich fühlte mich wie betäubt. Was waren wohl die Nachwirkungen dieser Evaluation? Würde es irgendetwas an Rufus’ Plänen ändern?

Birch zog die dicken Glastüren auf, die raus aus dem Vorstandsbereich führten. »Ich sehe Sie gleich im Unterricht, Alanna.«

Bevor ich antworten konnte, marschierte sie schon wieder zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Hoffentlich, um gewissen Leuten gehörig in den Hintern zu treten.

Ich stand allein in der großen Rotunde mit Blick in das offene Herz des Gebäudes. Rechts von mir sausten Aufzüge hoch und runter und spuckten auf jedem Stockwerk Dutzende Leute aus. Astoria war Tag und Nacht wie ein Ameisenhügel und durch die Glaswände konnte man von hier aus alles überblicken. Hunderte von Leuten arbeiteten auf jedem Stockwerk an ihren Schreibtischen oder hasteten zwischen Abteilungen und Meetings hin und her, Tablets unter den Arm geklemmt. Wie viele von ihnen waren Magier? Wie sicher war dein Job bei Astoria, wenn du kein Magier warst? Und würde Rufus mich immer noch bemerken, wenn ich mich doch als Norm herausstellte? Ich war zwar seit Jahr und Tag verliebt in Rufus Dean, aber nicht so sehr dem Wahn verfallen, dass mir eins nicht aufgefallen wäre: Außer ein paar Meetings und öffentlichen Ansprachen hatte ich Rufus in meinen sechs Monaten bei Astoria nicht gesehen. Er hatte kein einziges persönliches Wort mit mir gewechselt. Dann erfuhr er, dass meine Magie erwacht war — und er brachte seinen ganzen Terminplan durcheinander, um mit mir zu reden und Zeit mit mir zu verbringen. Kein Zweifel: Wenn er feststellte, dass bei mir Zauberkünste Mangelware waren, degradierte Rufus mich schneller zurück in die zweite Reihe, als ich »open beta« sagen konnte.

***

Lies weiter in DORNENSPIELE, erhältlich als eBook und Printbuch.

 

Amazon.de | Andere E-Book Shops wie iBooks, Thalia, Kobo …