Titel: Dornenlicht
Serie: Astoria Files #4
Erscheinungdatum: 2018
Mitwirkende: Brida Anderson
Genre:
Seitenanzahl: 380
ASIN: B07HNN7PWW

Die Elbenkönigin steht bereit, mit ihren Heerscharen in die Menschenwelt einzufallen. Faerie wird in den nächsten Wochen unbewohnbar werden, Millionen Feen benötigen neuen Lebensraum.

Wenn Alanna überleben und endlich Zeit für einen romantischen Abend mit Mattis haben möchte, muss sie wohl oder übel entweder die Dornenplage in Faerie beenden oder die Feenarmee in die Flucht schlagen. Schade, dass man im echten Leben nicht erst einmal abspeichern kann …

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EINS

Ich wurde rüde aus dem Tiefschlaf geweckt von einem unerträglichen Geklimper und Gedudel. Himmelherrgottsakra, wer spielte denn mitten in der Nacht Mario? Geräusche von Explosionen dröhnten durch den Schlafsaal. Vielleicht doch nicht Mario? 

Ich setzte mich verschlafen im Bett auf und warf einen Blick auf das Tablet an meinem Handgelenk.

19 Uhr.

Wahnsinn! Ich hatte tatsächlich sechs Stunden schlafen dürfen. Und meine innere Uhr war offensichtlich im Eimer: Es war gar nicht Nacht.

Unsere Herren und Damen Chefs wollten uns gern rund um die Uhr an die Arbeit treiben, wann auch immer die Hütte brannte. Das war eigentlich ständig der Fall, seitdem ich die Schutzschicht zwischen der Feenwelt und uns eingerissen hatte. Folglich schliefen wir in Schichten und Lichtschutzvorhänge tauchten die Loftetage in ewige Dunkelheit.

Rufus und Angela hatten unsere Basis in ein altes Fabrikgebäude im Liberty Village verlegt. Der Umzug war nötig gewesen, da ein halbes Dutzend Greife unser Hauptquartier an der University Avenue dem Erdboden gleichgemacht hatten. Wir hätten natürlich in unsere Festung gleich daneben ziehen können, aber das wäre ja nicht gerade unauffällig gewesen. Der zerstörte Astoria-Tower war Torontos Ground Zero. Norm-Wissenschaftler spukten dort Tag und Nacht herum, seitdem die Astoria-Security die Ruine freigegeben hatte. Das Fabrikgebäude hingegen war schön weit ab vom Schuss und von starken Bannzaubern geschützt. Es war auch groß genug, um alle Maschinen und alles Personal zu beherbergen, die von Astoria Toronto noch übrig waren. Allerdings hatte Rufus nicht wirklich für eine heimelige Atmosphäre gesorgt. Unsere gegenwärtige Behausung hatte etwas von einer Kaserne. Eine ganze Etage war mit modernen dreistöckigen Hochbetten und einem kleinen Loungebereich mit Sofas und Sesseln ausgestattet. Hier waren wir alle gemeinsam untergebracht. Also: wir, das Fußvolk, zumindest. Unsere Chefs hatten jeder einen kleinen Raum im Bereich der Konzernsicherheit. Sie schliefen aber auch nur noch abwechselnd. 

Von meiner luftigen Höhe in der dritten Etage des Hochbettes konnte ich einen Teil der Sitzecke überblicken. Der kleine Wohnbereich war komplett von meinem Team und meinen Freunden besetzt. Für einen Moment stutzte ich. Hatte denn keiner Nachtschicht? Dann fiel es mir wieder ein: Sie warteten vermutlich auf den Fernsehauftritt unserer Chefin heute Abend. 

Meine Kollegen Avel und Yue hockten zusammen an einem Ende der geräumigen Ledercouch und beugten sich über ein großes Tablet. Avel war an die zwei Meter groß und ungefähr genauso breit. Sowohl die zierliche Yue als auch das Tablet sahen winzig im Vergleich zu ihm aus. Selbst aus der Entfernung waren die blinkenden Lichter auf dem Display zu sehen. Daher kam also das Gedudel, das mich geweckt hatte. Die piepende und trällernde Geräuschkulisse erinnerte mich an Nintendo zu seinen besten Zeiten.

Am anderen Ende der Couch stritten sich Rikka, Astrid und René mehr zum Spaß um das letzte Stück einer Rucola-Pizza. Im Karton daneben lagen noch mehrere Stücke anderer Sorten. Aber warum sollte man sich die nehmen, wenn man sich so herrlich streiten konnte?

Ellenlange Beine in Jeans ragten von rechts in mein Blickfeld. Kein Mensch, den ich kannte, hatte so lange Beine. Mein Herz machte einen albernen kleinen Hüpfer. Ein Elf lag auf dem Teppich! War es Mattis? 

Ich kletterte hastig aus dem Bett, um nachzusehen.

Die langen Beine auf dem Teppich gehörten leider nicht Mattis, sondern Paci. Der Elf las Nachrichten auf seinem Handy und winkte mir kurz zu, als er mich sah. Da wir bei Astoria waren, tarnte er sich als Mensch. Als Justin Crozier, um genau zu sein. Justin war ein ziemliches Ekelpaket gewesen. Wie Astrid es aushielt, dass ihr Freund sich alle Nase lang in diesen Idioten verwandelte, war mir schleierhaft. Na ja, wer im Glashaus saß …

»Morgen.« Ich winkte gähnend einmal in die Runde. »Gibt’s noch was anderes als Pizza?«

»In der Cafeteria schon. Der Kühlschrank hier oben ist leer.« René zuckte entschuldigend die Schultern. 

Meine Kollegin Suze schlurfte gähnend den Mittelgang zwischen den Betten entlang. Sie schlüpfte aus ihren schwarzen Bikerstiefeln, die mit Rosen bestickt waren, und hockte sich im Schneidersitz auf den Teppich. „Wir wollten Cletus nicht über den Weg laufen. Der ist schon wieder auf dem Kriegspfad, weil bei einem Projekt was schiefläuft.« Sie rollte die mit schwarzem Kajal umrandeten Augen und schnappte sich ein Tablet, das auf der Kante des Couchtisches lag.

»Und mit Birch ist auch nicht gut Kirschen essen«, ergänzte Astrid. 

Yue sah vom Tablet auf. »Ich glaube, sie steht so neben sich wegen Angelas Auftritt bei Oprah.«

Heute Abend war Premiere: Magie live im Fernsehen, vor Milliarden Zuschauern aus aller Welt. Hoffentlich ging das gut.

Astrid hob die Thermoskanne vom Couchtisch und schüttelte sie. »Es gibt noch leidlich frischen Kaffee.«

Ich zapfte mir einen Becher ab, bedankte mich und schlurfte in Richtung Bad. Ich hatte die ganze Nacht bis heute Mittag derart tief in Code herumgewühlt, dass ich auch nach sechs Stunden Schlaf in Gedanken noch halb im Programmiermodus war. Schwer abzuschütteln, wenn man außer schlafen und arbeiten nicht viel tat. 

Der Weg war ein wahrer Hindernislauf. Auf jeder waagerechten Fläche war unser privater Kram geparkt und alles, woran wir gerade arbeiteten. Notebooks und halb fertige Gebilde, deren Schaltkreise noch sichtbar waren, ragten aus Sockenstapeln und zwischen benutzten T-Shirts hervor. Bandwürmern gleich schlängelten sich Kabel von Maschine zu Maschine um die Betonsäulen durch das ganze Loft. Den hellen Holzboden bedeckte eine dünne Schicht aus farbigem Sand, den Magier gern zum Zaubern verwendeten. Genug Gamer-Headsets, um einen Laden aufzumachen, ein Dutzend Tablets, Handys, unfertige Gebilde, die der 3-D-Drucker ausgespien hatte, Kladden und Gelstifte, halb begraben unter Klamotten. Zerknüllte Post-its dekorierten das Chaos wie Origami-Blüten. 

Feinstes WG-Leben, nur dass wir uns nicht um den Abwasch stritten, sondern um magische Interferenzen. Nick war immer noch angepisst, dass sein Prototyp geschmolzen war, weil Astrids magisch geladener blauer Sand vom Tisch darauf heruntergerieselt war. Yue meckerte täglich über den Zaubersand in der Kabelbox, der sich in kleinste Risse in der Kabelhülle vorarbeitete und zusammen mit Strom für unerwartete Zwischenfälle beim Löten sorgte. Mattis und Paci wiederum brachten alle Geräte durcheinander, wenn sie ihre Elbenmagie nicht peinlichst genau abschirmten – woraufhin dann alle Magier losmotzten. Das Übliche eben, wenn man mit Magiern und Elben auf engstem Raum lebte.

Ich hatte seit zwei Jahren allein ein viel zu großes Haus bewohnt und entschied mich täglich um, wie ich diese Zwangs-WG mit meinen Arbeitskollegen fand. Es waren mir definitiv zu viele Leute, aber immer jemanden zum Quatschen und Zocken zu haben – daran konnte man sich wirklich gewöhnen.

Frisch geduscht und angezogen legte ich mich neben Paci auf den Teppich. Er sah kurz hoch und ignorierte mich dann freundlich, aber bestimmt. Ich wusste, was er Mattis und mir vorwarf, aber es hatte keinen Sinn, mit ihm zu diskutieren. Ich knabberte scharfe Pizza und ließ mir von Astrid zeigen, wie weit sie mit »Aus die Maus«, unserem momentanen Lieblingsspiel auf dem Handy, inzwischen gekommen war.

Zwei Pizzastücke später hörte ich Plastik klappernd auf Plastik schlagen, dazu erklangen die vertrauten Klänge von zwei Laserschwertern. Wer hatte denn da seinem Spieltrieb nachgegeben?

Zum Glück musste ich mich nicht aus meiner bequemen Lage erheben. Schon ein paar Sekunden später sprangen Nick und Mattis in mein Blickfeld. Beide Männer waren mit einem roten Laserschwert bewaffnet. Mattis führte sein Schwert mit purer Eleganz und wich gekonnt selbst rückwärts allen Hindernissen aus – der Elbenkrieger in Aktion. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als er mich entdeckte.

Nick war außer Atem und fuchtelte wild mit seinem Schwert herum. Eigentlich war er ein ziemlich passabler Schaukämpfer, aber Mattis hatte ihm knapp 700 Jahre echtes Schwerttraining und Kampferfahrung voraus. 

Mattis’ lange kastanienbraune Haare schwangen vor und zurück mit jedem seiner Angriffe. Die Muskeln seiner Schultern malten sich deutlich unter dem langärmeligen T-Shirt ab. Nick bot auch einen ganz netten Anblick mit seinen halblangen dunkelblonden Haaren, die ihm verwuschelt ins Gesicht fielen. Ich sah zu Rikka, Nicks Freundin, hinüber. Sie hatte auch keinen Blick mehr für Astrids Tablet übrig, sondern sah ebenfalls verträumt den beiden Männern beim Kampf zu. Wo war eine Tüte Popcorn, wenn man sie brauchte?

»Seid ihr beide auf der dunklen Seite der Macht?«, fragte ich. 

»Klar, da gibt’s doch Kekse«, erwiderte Nick keuchend. Er wich einem Vorstoß geschickt aus, aber Mattis drehte blitzschnell das surrende Lichtschwert und touchierte ihn an der Taille.

»Fünfzehn«, konstatierte Nick grimmig einen direkten Treffer.

»Ich bin auf der Seite, wo es die bessere Schokolade gibt«, warf Mattis ein. Es zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich hatte mich Hals über Kopf in ihn verliebt, ohne wirklich etwas über ihn zu wissen. In den letzten zwei Wochen hatte ich jedes Detail abgespeichert, das das Zusammenleben mit ihm offenbarte. Er liebte dunkle Schokolade. Das Stöhnen und der entrückte Gesichtsausdruck, die eine bestimmte Sorte Zartbitter bei ihm auslösten, hatte das Zeug, mich nachts um den Schlaf zu bringen. Er trank ab und zu Kaffee, aber nur schwarz. Bei Musik hatte er keine besonderen Vorlieben, nur wenn es zu krachig wurde, verzog er sich. Ob Pop oder Hip-Hop – wenn die Musik tanzbar war, konnte er kaum stillsitzen. Ein Mann, der gern tanzte und Computerspiele liebte – eigentlich mein Traum.

Mattis machte einen Salto und landete direkt vor mir. Mit einem Funkeln in den leuchtend grünen Augen beugte er sich zu mir hinunter und gab mir einen schmelzenden Kuss. Ich packte in seine langen Haare und hielt ihn fest, um den Kuss noch länger auszukosten.

Nick sah seine Chance und griff Mattis von hinten an. 

Mattis’ Laserschwert brummte, als er es einmal zur Seite schwang – und Nick mitten in den Bauch traf. 

»Oh Mann, das gibt’s doch nicht!« Nick ließ entgeistert sein Schwert sinken. »Sechzehn zu null.«

Mattis streichelte mir mit der freien Hand über die Wange und wirbelte dann zu Nick herum. »Revanche?«

* * *

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