Brida Anderson

Urban Fantasy

5 Tipps für Autoren – Was ich beim Schreiben von Hedge Games gelernt habe

Anja Bagus hatte die sehr schöne Idee einer Blogtour für Autoren, angelehnt an die Postings bei Chuck Wendings terribleminds. Jeder Autor schreibt 5 Tipps für andere Autoren. Dinge, die für sie/ihn während des Schreibens und Publizierens wichtig waren. Erfahrungen, die man gerne weitergeben möchte.

Unter meinen 5 Tipps ergänze ich die anderen Autoren, die ihre 5 Tipps schon gebloggt haben.


 

Hier erst einmal mein neuestes Buch, damit du einen Eindruck von meiner Arbeit bekommst:

HEDGE GAMES ist ein Urban Fantasy-Roman (bisher in englisch erhältlich) mit Anklängen von Elfpunk. Die erste Idee, die sich dann beimhedgegames_brida_anderson Schreiben verselbständigt hat, war: Lord of the Rings trifft die Matrix, mit einer Frau statt Neo – und sie verliebt sich in einen Elfen.

Alanna arbeitet als Game-Designerin für den IT-Giganten Astoria. Die Deadline für ihr erstes Projekt ist eng, sie und ihr Team arbeiten an der Belastungsgrenze. Als immer mehr Technik um Alanna verrückt zu spielen beginnt, erkennt sie, dass nichts bei Astoria so ist, wie es scheint. Alanna muss sich  als frisch-erwachte Magierin beweisen – ansonsten steht nicht nur ihr Job, sondern auch ihr Leben auf dem Spiel. 

Mattis ist ein in Ungnade gefallener Elfenkrieger. Als Faerie vor der Vernichtung steht, ruft die Feenkönigin ihn aus der Verbannung zurück und schickt ihn auf eine ausweglose Mission: Die eine Frau in der Menschenwelt zu finden, die Faerie mit ihrer Magie retten kann. Pech für Mattis, dass Alanna diese Frau ist – und noch nicht einmal ihren Kaffee verzaubern kann, ohne ihn explodieren zu lassen.


 

Meine 5 Tipps:

1. Tauch ganz ein in die Welt deiner Geschichte

… oder: Wieso Brida mitten im Parcours im Hochseilkletterpark schrie: “Aaaah! Das mit dem Elfendorf in den Baumwipfeln ist eine SCHEISS-IDEE!”
Was du am eigenen Leib erlebt hast, kannst du einfach besser beschreiben. Wer nicht Gegenwartsliteratur schreibt, muss allerdings suchen, um etwas Passendes zu finden.

Bestimmte Genres haben da einen Heimvorteil. Ich bin überzeugt, dass ich deshalb so viele hochproduktive Steampunk-Autoren treffe, weil zu ihrem Genre Maker gehören, die die gleichen Bilder im Kopf in die Realität umsetzen.
Letztlich kann man aber für jedes Genre seine Einbildungskraft benutzen, um aus normalen Erlebnissen Mana für die Geschichte zu saugen.

Versuch z. B. “in echt” eine Situation wie dein Held zu erleben.

Lauf doch mal ein paar Stunden mit etwas Ähnlichem wie seiner/ihrer Ausrüstung durch die Gegend. Ist das schwer? Hat er/sie alles dabei? Wie fühlst du dich am Ende des Tages? Wie schnell kann man was rausziehen, kann man damit schwimmen, klettern, …

Setz dich auf ein Pferd, wenn dein Held reitet, und sei es, dass du dich einmal um die Halle führen lässt.

Fahr mit der Gondel/auf ein Hochhaus/mit dem Riesenrad, wenn deine Heldin fliegt.

Lass dir auf einer Greifvogelschau einen Uhu auf die Hand setzen, streichel einen Elefanten, mach bei einer besonderen Nachtwanderung im Zoo mit, mit Tierkontakt. (Schon mal ne Schlange gestreichelt?)

Das alles ist Futter für deine Quelle – siehe unten.

2. Gib deinem Leser kein Schleudertrauma

Meine Lektorin für “Hedge Games”, eine Australierin, die in der Schweiz lebt, machte mich auf etwas aufmerksam, das noch keine deutsche Lektorin bemängelt hatte.

Sie sagte, dass “die Deutschen” einen Hang dazu hätten, ganz arg lange Sätze zu schreiben, bei denen der Fokus des Satzes andauernd springt.

Langer Satz ist nicht gleich langer Satz, habe ich seitdem gelernt.

Es kann ein Typ 10 Sachen hintereinander machen — kein Problem, unser innerer Film zeigt uns den Helden, wie er auf ein Motorrad steigt, einen Bösen erschießt, durch die Scheunentür brettert.

Problematisch wird’s, wenn du noch andere Sachen in den Satz packst …
Stell dir vor, der Leser sieht deine Szene durch ein Opernglas. Mit jedem neuen Aspekt, den du einem Satz hinzufügst (so sieht das Motorrad aus, da kommt ein Böser aus der Ecke, das macht gerade der Sidekick des Helden …), reißt du das Opernglas — mit dem Kopf des Lesers — in eine andere Richtung.
Bei dramatischen Szenen kann man das machen. Da sind wir auch aus dem Kino schnelle Schitte gewöhnt.

Auf Dauer sinkt dein Leser aber ermattet aus den Latschen, besonders beim Einstieg in eine Geschichte, wenn’s keine Action-Szene ist.

Hab Erbarmen, mach mehrere Sätze aus einem. Die Sätze müssen nicht Hemingway-isch kurz sein — gönn einfach jedem speziellen Fokuspunkt, auf den du den Blick des Lesers lenkst, mindestens einen eigenen Satz.

3. Mehr Details — aber so genau wollte ich es nicht wissen!

Da wir die Welt, die Szenerie, letztlich erst beim Schreiben mit den Augen unseres Helden ganz entdecken schleicht sich eine ungeheure Detail-Breite ein; besonders bei Autoren, die ohne oder mit minimalem Plot schreiben.

Die Muse liefert uns wundersame Feengestalten, hier ein außergewöhnliches Kleid, da ein bahnbrechend neues Glaubenssystem an Naturgötter — das kommt alles rein, gehört ja zur Welt, die unsere Heldin durchschreitet und lässt sie lebendig werden.
Jo. Stimmt.

Aber vieles müssen wir gar nicht so genau wissen, um schon ein lebendiges Bild vor Augen zu haben.
Man nimmt sich mit einer Breite von Details die Action, die rasante Fahrt durch die Geschichte. Denn der Blick des Lesers bzw. der Film im Kopf des Lesers geht damit jedes Mal auf eine Zeitlupen-Einstellung.
Das Spannungsfeld ist: genug Details, das überhaupt ein Film im Kopf entsteht. Und nicht so viele Details, das der rote Handlungsfaden über längere Absätze erlahmt.
Übrigens: Je länger die Beschreibung eines Details, umso wichtiger ist, dass es eine Plotfunktion hat.

Wer der Böse der Woche in einer Fernsehsendung ist, kann man häufig daran erkennen, dass die Kamera einen Hauch länger auf seinem Gesicht verweilt als auf den anderen. Das ist deinem Leser nicht bewusst, aber das hat er verinnerlicht.

Zeigst du etwas lange, dann legt er es gedanklich ab als “das wird noch mal wichtig! merken!” — und fühlt sich verarscht, wenn das Ding unwichtig war, du aber unbedingt immer schon mal einen verstaubten, dampfbetriebenen Drachenroboter in der Ecke einer Bibliothek beschreiben wolltest …

Zu wenig Details gibt’s auch.
Für mich völlig überraschend schrieben Lektorin und Betaleser an manchen Stellen von “Hedge Games”: “Wie genau sieht das aus?”.

Zum Beispiel wenn jemand mit einer Münze Feengeld bezahlt. Na, eine Münze halt. Hartgeld. Aber nein, das wollten sie genau wissen.

Oder “Wie lernt man denn Magie?”, schrieb eine Betaleserin. “Ich will mit Alanna in den Unterricht gehen und keine Zusammenfassung!”

Für die ausgewogene Detaildichte sind Betaleser unbezahlbar!

Man selbst ist zu nah an der Story, um zu erkennen, ob ein Detail schön zur Stimmung beiträgt oder unter die Kategorie “zu viel” fällt. Und wo man davon ausgeht “kann sich jeder vorstellen”, der Leser aber gern mehr hätte.

4. Fütter die Quelle

“Wenn die Inspiration anklopft, muss sie dich bei der Arbeit finden” — ich glaube, Picasso hat das mal gesagt.

Als Mutter von zwei kleinen Kindern kann ich an den meisten Tagen nur in winzigen Schreibhappen an meinen Büchern arbeiten. Ich kann nicht eine Stunde prokrastinieren, meine Maus annagen und auf die Eingebung hoffen. Das muss gehen: hinsetzen, schreiben, raus. (Geht’s aber oft nicht, “dank” innerem Kritiker.)

Damit das funktioniert, muss mein Kopf übersprudeln mit Ideen fürs Buch. Dazu gehört natürlich eine gewisse Vorstellung vom Plot, von den Hauptcharakteren, Musik-Playlists, die Charaktere oder bestimmte Arten von Szenen sofort zum Leben erwecken.
Dazu gehört aber auch vor dem ersten Schreiben ein intensives Eintauchen in die Welt des Romans.

Das darf man jetzt nicht mit Recherche verwechseln. Der Übergang ist fließend, aber zu viele FAKTEN stehen einem entspannten Fließen des Textes im Weg. Musste ich lernen ;-)
Für den ersten Entwurf ist es wichtiger, dass du nicht nur mit dem Kopf in die Materie des Romans eintauchst.
Kreativitätscoach Julia Cameron empfiehlt Autoren, regelmäßig ein “Artist Date” zu machen, wo man etwas in die innere Quelle wirft, ganz ohne Projektbezug. Das können Ausstellungen sein, Konzerte, Ausflüge, neue Hobbys, … Für mich ist Musik ganz wichtig — Alanna hat eine ganz andere Playlist als die Elfen, zum Beispiel. Klamotten und Stoffe, die die Charaktere anhaben, anziehen und spüren. Im Wald schreiben und die Geräusche aufs Papier fließen lassen. … Oder zum Beispiel mit dezenter Höhenangst in einen Kletterpark zu gehen, weil Mattis doch so leichtfüßig durch die Elfendörfer in den Baumwipfeln läuft. Uh ….
Der große Vorteil ist, dass man die Quelle auch füttern kann, wenn man nicht zum Schreiben kommt!

5. Vertrau der Chemie

Du bist in Fahrt, schreibst so schön frei, wie der Wind — bis du merkst: Ach du Scheiße! Da soll’s ja gar nicht hingehen! Ab da ist es ein Kampf und man kriegt verdammt noch mal die Kurve zum Plot nicht. Es ist wie verhext.
Meine Heldin spazierte mit einem Mann im Wald, sie sind unterwegs zu dem Mann, der ihr Loveplot ist. Funktion der kurzen Szene: Der Typ gibt ihr Backstory-Infos, kennt den Weg, beschützt sie und baut ein Band zu ihr und den Lesern auf in der Szene, das dann brutal zerschnitten werden soll, wenn der Antagonist ihn grausam tötet.
Bis …

Bis sie ihn plötzlich küsst.

WHAT?!

Und er den Kuss dann leidenschaftlich erwidert, da er sich ebenfalls in sie verliebt hat.
Wtf?!

Er ist doch gar nicht der loveplot!
Dass die Chemie nicht stimmt, kann man an so kleinen Sachen schon früh merken.

Wenn man den Tanz ein paar Mal mitgemacht hat, merkt man schon das erste Aufbäumen der Charaktere, kurz bevor’s alles in die Hose geht. Dann: einhaken.
Wenn Charaktere zum Leben erwachen und nicht machen, was ihr Schöpfer will, bringen sie vielleicht gute Ideen mit. Vielleicht ist der neue Plot aber auch nicht unbedingt sinnvoll.
Denk deshalb die neue Chemie erstmal zu ihrem logischen Ende, bevor du ihr blind folgst.

Vielleicht wird gerade ein Nebencharakter der Held der Geschichte? Kannst du Held und Nebencharakter verbinden? Den Helden ein Stück weit verändern, damit er wieder spannend für dich wird?
Vielleicht ist der “Gute” eigentlich ein Böser? Dann nimm das nicht hin, sondern probier dich an einem richtigen Anti-Helden oder gebrochenen Helden. Es braucht nicht unbedingt Gut und Böse – aber der Leser braucht die Identifikationsfigur. Was muss dein “böser” Held mitbringen, in welchen Situationen musst du ihn zeigen, dass der Leser trotzdem mit ihm mitfiebert?
Was hat das für Konsequenzen für den Plot? Für die anderen Charaktere?
Wenn du die Chemie deiner Charaktere ernst nimmst, erwacht das Buch richtig zum Leben. (Der geküsste Elf ist jetzt der loveplot, übrigens. Der andere ist komplett verschwunden, genauso wie noch weitere 8 Elfen, die alle im ersten Entwurf der Geschichte herumliefen.)

Blogliste 5 Tipps für Autoren:

Anja Bagus (Aetherwelt-Serie, Steampunk)

Brida Anderson (“Hedge Games”, Urban Fantasy)

Markus Gersting (“Hydorgol. Der Alpha-Centrauri-Aufstand” Science Fiction)

Nina Hasse

Alex Jahnke (“Neues aus Neuschwabenland”)

André Ka

Lara Kalenborn (“Feenfuchs und Feuerkuss”)

Georg Sandhoff (Fantasy)

Andrea Schneeberger (“Feuer, Blut und Licht”)

George P. Snyder (Drehbücher)

Arwyn Yale (Thriller)

 

Die bloglosen, teilnehmenden Autor*innen sind bei den 5Tipps auf Anja Bagus Seite zu finden. Dort gibt’s Steampunk zu lesen.

 

Interessierte Autoren finden weitere Informationen in der Facebook-Gruppe, mitmachen ist ausdrücklich erlaubt. :-)

https://www.facebook.com/groups/523190321118274/535336133237026/?notif_t=group_comment_reply

 

2 Comments

  1. Das sind mal echte Tipps. Nicht aus dem Internet-101 der Schreibtipp-Listen zusammengesucht, sondern aus dem vollen Autorenleben stammend. Super! :)

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